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      <p begin="0.08s" xml:id="p0" end="4.08s">Ich finde es nicht falsch, auf den Bauch zu hören,<br />sondern sehr richtig. Ich finde nur diese Überhöhung,</p>
      <p begin="4.08s" xml:id="p1" end="7.88s">wenn es heisst: «Ja, du musst nur auf deinen Bauch hören»,<br />das ist mir immer zu irrational.</p>
      <p begin="7.88s" xml:id="p2" end="10.84s">Ich glaube, es ist ein bisschen zu wenig.<br />Deswegen habe ich es so kalt geschreddert.</p>
      <p begin="18.36s" xml:id="p3" end="23.44s">Gipfeli zum Zmorge oder lieber Birchermüsli?<br />Kino oder Streaming auf der Couch?</p>
      <p begin="23.44s" xml:id="p4" end="28.56s">Heiraten oder lieber nicht? Bis zu 35.000 Entscheidungen treffen wir täglich.</p>
      <p begin="29.52s" xml:id="p5" end="36.24s">Doch wie entscheiden wir richtig? Alles andere als einfach.<br />Das weiss auch der Philosoph und Satiriker Florian Schroeder.</p>
      <p begin="36.24s" xml:id="p6" end="41.36s">Er hat ein Buch über das Entscheiden geschrieben.<br />Und du, Florian und ich, wir entscheiden jetzt</p>
      <p begin="41.36s" xml:id="p7" end="43.92s">über Entscheidungsstrategien. Hier haben wir so einige.</p>
      <p begin="43.92s" xml:id="p8" end="49.04s">Die guten sortieren wir schön aus. Die schlechten<br />kommen in den Schredder. Einverstanden?</p>
      <p begin="49.04s" xml:id="p9" end="50.52s">Gut. Los geht&#039;s. Du darfst anfangen.</p>
      <p begin="55.36s" xml:id="p10" end="60.88s">Ja, aber nicht in erster Linie. Ein bisschen Kopf ist auch ganz gut. Deswegen packe ich es hier rein.</p>
      <p begin="62.44s" xml:id="p11" end="66.2s">Ich dachte, wir diskutieren das gemeinsam. Ich wäre jetzt schon für den Bauch gewesen.</p>
      <p begin="66.24s" xml:id="p12" end="67.64s">Ach so, ich dachte, wir sollten total schnell sein.</p>
      <p begin="68.12s" xml:id="p13" end="69.76s">Ja, manchmal muss man schnell sein.</p>
      <p begin="70.12s" xml:id="p14" end="71.48s">Wie siehst du das denn?</p>
      <p begin="72.08s" xml:id="p15" end="73.8s">Keine Ahnung. Wir machen weiter.</p>
      <p begin="74.04s" xml:id="p16" end="75.08s">Also doch nicht diskutieren?!</p>
      <p begin="77.92s" xml:id="p17" end="80.92s">Während die Münze in der Luft ist, spürt man, welche Seite man eigentlich will.</p>
      <p begin="81.08s" xml:id="p18" end="86.16s">Oh Gott, das glaube ich einfach nicht. Ausserdem spüre ich nicht so schnell.</p>
      <p begin="86.72s" xml:id="p19" end="88.76s">Siehst du? Deswegen hörst du auch nicht auf deinen Bauch.</p>
      <p begin="88.84s" xml:id="p20" end="91.0s">Das hättest du auch geschreddert...</p>
      <p begin="92.8s" xml:id="p21" end="94.48s">Nein, damit kann ich auch nichts anfangen. Daran glaube ich nicht.</p>
      <p begin="94.72s" xml:id="p22" end="100.16s">Weisst du, was interessant ist? Ich finde es auch schlecht.<br />Ich glaube, Menschen, die Münzen werfen</p>
      <p begin="100.16s" xml:id="p23" end="104.68s">und so entscheiden, wollen gerne die Entscheidung<br />delegieren. Da kann man nachher sagen:</p>
      <p begin="104.84s" xml:id="p24" end="106.6s">«Ich kann nichts dafür.<br />Die Münze ist schuld.»</p>
      <p begin="106.6s" xml:id="p25" end="107.48s">So ist es. Genau.</p>
      <p begin="107.48s" xml:id="p26" end="108.84s">Kein guter Vorschlag. Er<br />wird geschreddert.</p>
      <p begin="109.48s" xml:id="p27" end="112.16s">Wir müssen schon auch irgendwas gut finden.</p>
      <p begin="113.4s" xml:id="p28" end="117.08s">Je mehr Optionen man im Kopf durchgeht, desto unzufriedener wird man.</p>
      <p begin="119.36s" xml:id="p29" end="123.8s">Etwa mit dem Credo: Im Restaurant bestelle ich immer das erste Gericht auf dem Menü.</p>
      <p begin="126.36s" xml:id="p30" end="129.68s">Gut, das im Restaurant mache ich nicht. Ich weiss noch, als wir früher als Kinder</p>
      <p begin="129.72s" xml:id="p31" end="131.84s">in den Urlaub fuhren, hat mein Vater immer gesagt:</p>
      <p begin="131.84s" xml:id="p32" end="136.48s">«Nehmt einfach das erste Gericht, weil dann kriegt man immer irgendwas Neues.»</p>
      <p begin="136.48s" xml:id="p33" end="141.76s">Das fand ich blöd, weil ich wollte nur Pommes. Und das war nicht das erste Gericht auf dem Menü.</p>
      <p begin="142.48s" xml:id="p34" end="147.2s">Aber das hat was. Optionen zu reduzieren, ist hilfreich. Man weiss ja aus der Forschung,</p>
      <p begin="147.2s" xml:id="p35" end="153.6s">wenn man zum Beispiel aus 30 Eissorten wählen soll, ist man der Tendenz nach nicht glücklich mit der Entscheidung.</p>
      <p begin="153.6s" xml:id="p36" end="156.28s">Wenn man sieben Optionen hat, ist es am besten.</p>
      <p begin="156.28s" xml:id="p37" end="160.76s">Genau sieben ist die magische Zahl. Es gab dieses Experiment; Barry Schwartz hat’s in seinem Buch beschrieben</p>
      <p begin="160.76s" xml:id="p38" end="168.44s">mit Marmeladensorten im Delikatessengeschäft. 24 Sorten hiess: Mehr Leute, die probiert haben.</p>
      <p begin="168.44s" xml:id="p39" end="172.76s">Sieben Sorten hiess: Mehr, die gekauft haben. Also weniger Optionen kann mehr sein.</p>
      <p begin="173.64s" xml:id="p40" end="177.88s">Also das behalten wir mal! Wobei man sagen muss bei der Frage «Heiraten oder nicht?»</p>
      <p begin="177.88s" xml:id="p41" end="181.44s">sind die Optionen schon gering. Da kann man jetzt nicht wirklich reduzieren.</p>
      <p begin="181.44s" xml:id="p42" end="185.52s">Aber für gewisse Fragen, zum Beispiel, wo in Urlaub fahren, ist es hilfreich, oder?</p>
      <p begin="185.88s" xml:id="p43" end="187.84s">Absolut, ja. Gut, behalten wir.</p>
      <p begin="188.32s" xml:id="p44" end="189.28s">So, ich bin dran.</p>
      <p begin="193.64s" xml:id="p45" end="201.32s">Ja, das kann gar nicht so schlecht sein. Ich mache das eher selten oder eher so halb im Kopf.</p>
      <p begin="201.96s" xml:id="p46" end="206.0s">Bei mir ist immer das Problem, wenn ich anfange, das zu machen, dann verkopfe ich völlig.</p>
      <p begin="206.0s" xml:id="p47" end="210.6s">Dann sage ich: «Okay, jetzt ist Pro und Kontra.» Da kommt in etwa immer das Gleiche raus. Und dann versuche ich,</p>
      <p begin="210.6s" xml:id="p48" end="215.08s">den einzelnen Argumenten mehr oder weniger Gewicht zu geben und dann verliert man sich völlig.</p>
      <p begin="215.08s" xml:id="p49" end="217.6s">Für mich ist es nicht produktiv, aber ich glaube, es kann gut sein.</p>
      <p begin="218.88s" xml:id="p50" end="225.44s">Es ist jetzt einfach überraschend, weil vorhin hast du den Bauch geschreddert. Warum willst du denn nicht verkopfen?</p>
      <p begin="227.08s" xml:id="p51" end="231.72s">Weil es immer ein Zusammenspiel aus beidem ist. Und es muss fliessen und für dich stimmig sein.</p>
      <p begin="231.72s" xml:id="p52" end="233.28s">Machst du mich grad nach?</p>
      <p begin="234.24s" xml:id="p53" end="235.68s">Nein, nein.</p>
      <p begin="236.48s" xml:id="p54" end="240.68s">Ich finde Pro-und-Kontra-Listen nicht schlecht. Ich finde sie nur dann problematisch,</p>
      <p begin="240.68s" xml:id="p55" end="246.52s">wenn man meint, die Anzahl der Items auf der einen oder anderen Seite sei ausschlaggebend für die Entscheidung.</p>
      <p begin="247.16s" xml:id="p56" end="251.48s">Wenn dann drei gegen zwei ist, dann ist es Pro. Das ist ja verkehrt.</p>
      <p begin="251.48s" xml:id="p57" end="259.8s">Wenn man sich erst einmal über Motive klar werden muss oder über das, was auf dem Spiel steht, dann wieso nicht?</p>
      <p begin="260.52s" xml:id="p58" end="263.0s">Wir behalten es. Es ist mir lieber, als das reine Auf-den-Bauch-hören.</p>
      <p begin="263.0s" xml:id="p59" end="265.32s">Wobei ich mit dem schnellen Wegwerfen vorher noch mal nachtragen wollte:</p>
      <p begin="265.32s" xml:id="p60" end="268.08s">Ich finde es nicht falsch, auf den Bauch zu hören, sondern sehr richtig.</p>
      <p begin="268.08s" xml:id="p61" end="272.24s">Ich finde nur diese Überhöhung, wenn es heisst: «Ja, du musst nur auf deinen Bauch hören»,</p>
      <p begin="272.24s" xml:id="p62" end="276.36s">das ist mir immer zu irrational. Es ist zu wenig. Deswegen habe ich es so kalt geschreddert.</p>
      <p begin="276.64s" xml:id="p63" end="278.68s">Es sei denn, es geht um die Menüeinträge.</p>
      <p begin="279.44s" xml:id="p64" end="284.72s">Oh, hier kommt was Interessantes. Die Perspektive vom Todesbett aus.</p>
      <p begin="284.88s" xml:id="p65" end="291.12s">Frage dich, was wirst du bereuen, nicht getan zu haben, wenn du auf dem Sterbebett liegst?</p>
      <p begin="292.64s" xml:id="p66" end="295.96s">Das ist ja so total verbreitet. Die Leute, die diese Bücher schreiben,</p>
      <p begin="295.96s" xml:id="p67" end="301.68s">in denen Leute gefragt werden: «Was bereust du am meisten in deinen Todesstunden?».</p>
      <p begin="301.68s" xml:id="p68" end="305.84s">Dann wird ein grosses Buch geschrieben und man denkt: «Das ist jetzt mein Lebensratgeber.»</p>
      <p begin="306.4s" xml:id="p69" end="309.8s">Mich hat das ehrlich gesagt nie so überzeugt, weil da steht ja dann klassischerweise immer:</p>
      <p begin="310.08s" xml:id="p70" end="311.84s">«Ich wünschte, ich hätte weniger gearbeitet.»</p>
      <p begin="312.28s" xml:id="p71" end="315.56s">Weisst du, wie viele Menschen ihre Partner bei der Arbeit kennenlernen?</p>
      <p begin="315.76s" xml:id="p72" end="316.28s">Ja!</p>
      <p begin="317.48s" xml:id="p73" end="320.12s">Irgendwie denke ich dann immer so: «Weiss nicht so recht.»</p>
      <p begin="321.16s" xml:id="p74" end="325.16s">Ja, da ist auch gar nicht meine Perspektive aufs Leben. Ich habe mich noch nie gefragt:</p>
      <p begin="325.16s" xml:id="p75" end="328.88s">«Was würde ich bereuen, nicht getan zu haben?»,</p>
      <p begin="329.0s" xml:id="p76" end="332.0s">sondern ich bin immer dem gefolgt, was ich noch tun möchte.</p>
      <p begin="332.0s" xml:id="p77" end="339.6s">Ich finde es immer schwierig, von so einem Endpunkt oder so einem Erlösungspunkt her zu denken</p>
      <p begin="339.6s" xml:id="p78" end="342.0s">und dann rückwirkend zu denken: «Was wirst du bereuen?».</p>
      <p begin="342.0s" xml:id="p79" end="346.0s">Ich mag auch überhaupt nicht, bei Entscheidungen von Reue schon auszugehen.</p>
      <p begin="346.0s" xml:id="p80" end="350.44s">Ich finde eher, das Ziel ist, Reue zu begrenzen, weil sie ohnehin nicht produktiv ist.</p>
      <p begin="350.44s" xml:id="p81" end="355.2s">Dafür gibt es andere Strategien, als immer alles vom Ende her zu denken. Ich habe das noch nie gemacht.</p>
      <p begin="355.2s" xml:id="p82" end="357.44s">Findest du Reue immer falsch?</p>
      <p begin="357.44s" xml:id="p83" end="362.2s">Nein. Es gibt schon Dinge, die man bereut und auch zurecht bereut, keine Frage.</p>
      <p begin="362.2s" xml:id="p84" end="368.04s">Aber, die Schwierigkeit liegt darin, dass es viele Menschen gibt – und da schliesse ich mich auch gar nicht aus –</p>
      <p begin="368.04s" xml:id="p85" end="373.84s">die Entscheidungen nicht treffen, weil sie Angst haben, die falsche Entscheidung zu bereuen.</p>
      <p begin="373.84s" xml:id="p86" end="379.44s">Aber tatsächlich zeigt sich auch in allen Studien: Das Schlimmste, was man machen kann, ist nicht zu entscheiden.</p>
      <p begin="379.44s" xml:id="p87" end="383.16s">Weil dann entscheiden andere für dich und dann hast du das Gefühl, nicht mehr autonom zu sein.</p>
      <p begin="383.16s" xml:id="p88" end="387.96s">Also besser falsch, weil für die falsche Entscheidung gibt es eine Begründung als gar nicht entscheiden.</p>
      <p begin="389.08s" xml:id="p89" end="395.48s">Interessant ist, weil du es gerade gesagt hast mit dem Bereuen: Elon Musk und Co. aus der Silicon Valley-Sphäre</p>
      <p begin="395.48s" xml:id="p90" end="400.0s">empfehlen dieses prospektive Bedauern. Also, sich zu überlegen,</p>
      <p begin="400.0s" xml:id="p91" end="403.88s">wie kann ich entscheiden, damit ich in Zukunft nicht bereue oder bedauere.</p>
      <p begin="403.88s" xml:id="p92" end="407.64s">Das finde ich deswegen so verkehrt, weil jede Entscheidung uns ja verändert.</p>
      <p begin="408.08s" xml:id="p93" end="412.68s">Das heisst, wenn ich etwas entscheide und das dann tue, dann werde ich sowieso eine</p>
      <p begin="412.68s" xml:id="p94" end="415.68s">andere Person dadurch, dass ich diese Entscheidung vollziehe.</p>
      <p begin="416.56s" xml:id="p95" end="419.96s">Und deswegen kann ich gar nicht wissen, was ich einmal bereuen werde.</p>
      <p begin="420.12s" xml:id="p96" end="421.12s">Ja, genau.</p>
      <p begin="421.44s" xml:id="p97" end="427.36s">Was ich trotzdem gut finde daran – deswegen halbiere ich das, auch wenn man das nicht darf;</p>
      <p begin="427.36s" xml:id="p98" end="428.64s">Das ist aber keine Entscheidung!</p>
      <p begin="428.64s" xml:id="p99" end="429.4s">Doch, doch.</p>
      <p begin="429.88s" xml:id="p100" end="435.76s">Ich halbiere es, weil ich denke, grundsätzlich den Tod vor Augen zu haben, bei dem, was wir tun</p>
      <p begin="435.96s" xml:id="p101" end="441.72s">und auch entscheiden, ist ja nicht verkehrt. Das Leben ist kurz. Das soll man schon irgendwie wissen, oder?</p>
      <p begin="441.72s" xml:id="p102" end="442.64s">Gut, machen wir so.</p>
      <p begin="442.64s" xml:id="p103" end="443.28s">Ich mach einen halben Schredder.</p>
      <p begin="444.0s" xml:id="p104" end="449.6s">Wenn ich das beim Bauch gewusst hätte, dass hier solche Tricks erlaubt sind, hätte ich es auch anders gemacht.</p>
      <p begin="458.08s" xml:id="p105" end="461.56s">Das muss ich, glaube ich, dann auch halbieren, wenn diese Technik jetzt erlaubt ist.</p>
      <p begin="463.04s" xml:id="p106" end="470.4s">Ich glaube: Ja und nein. Ja, insofern, als ich aus eigenem Erleben sagen würde,</p>
      <p begin="472.28s" xml:id="p107" end="476.24s">die Unfähigkeit zur Geduld ist eines der grössten Probleme.</p>
      <p begin="476.24s" xml:id="p108" end="481.0s">Also nicht abwarten zu können. Da gibt es diesen wunderbaren Satz von Thomas Bernhard</p>
      <p begin="481.0s" xml:id="p109" end="489.0s">aus der sehenswerten Doku: «Das Problem ist, die meisten Menschen können halt nicht warten.</p>
      <p begin="489.52s" xml:id="p110" end="494.44s">Deswegen machen sie den grössten Blödsinn.» Und das habe ich damals gesehen,</p>
      <p begin="494.44s" xml:id="p111" end="498.48s">als ich selber nicht warten konnte. Deswegen finde ich es ein Talent,</p>
      <p begin="498.48s" xml:id="p112" end="504.8s">dass sich bei mir mit den Jahren eingestellt hat, dass ich heute besser abwarten kann als früher</p>
      <p begin="504.8s" xml:id="p113" end="508.52s">und es sich meistens auszahlt, nicht hektisch zu werden, nicht nervös zu werden.</p>
      <p begin="508.52s" xml:id="p114" end="517.6s">Zum Nein-Teil: Dieses Abwarten und Tee trinken ist mir insgesamt als Lebensphilosophie zu passiv.</p>
      <p begin="517.92s" xml:id="p115" end="525.84s">Da ist so ein: «Ich lasse geschehen und ich kann ja sowieso nicht in den Weltlauf eingreifen.»</p>
      <p begin="525.84s" xml:id="p116" end="527.4s">Da bin ich nicht dabei.</p>
      <p begin="527.4s" xml:id="p117" end="532.48s">Dann kippt es ja genau in das Problem, was du vorhin beschrieben hast, nämlich dass man nicht mehr entscheidet.</p>
      <p begin="532.48s" xml:id="p118" end="536.6s">Wir wissen, wer nicht entscheidet, ist nachher sowieso unglücklich mit dem, wie es ausgeht.</p>
      <p begin="536.6s" xml:id="p119" end="542.76s">Insofern würde ich auch sagen: halbe halbe. Abwarten und Tee trinken ist super, wenn die Mailbox knallvoll ist.</p>
      <p begin="543.56s" xml:id="p120" end="547.72s">Weil nach ein paar Tagen hat sich die Hälfte von selber erledigt. Das ist doch so, oder?</p>
      <p begin="548.2s" xml:id="p121" end="549.84s">Das habe ich aber noch nie geschafft, das abzuwarten.</p>
      <p begin="550.04s" xml:id="p122" end="553.52s">Guck mal, der Knick ist genau bei «Abwarten und». Das heisst,</p>
      <p begin="553.52s" xml:id="p123" end="556.64s">wir können sogar inhaltlich den richtigen Teil schreddern.</p>
      <p begin="556.64s" xml:id="p124" end="558.0s">Moment, welchen?</p>
      <p begin="558.16s" xml:id="p125" end="558.96s">Tee trinken.</p>
      <p begin="559.12s" xml:id="p126" end="562.04s">Abwarten haben wir gesagt, ist gut, aber das Teetrinken war ja...</p>
      <p begin="562.32s" xml:id="p127" end="564.44s">Ich möchte aber den Tee behalten.</p>
      <p begin="565.28s" xml:id="p128" end="568.04s">Weisst du? Tee trinken ist eh gut. Auch wenn man entscheidet.</p>
      <p begin="568.24s" xml:id="p129" end="572.88s">Dann machen wir es, wie du es willst und schreddern das Abwarten.</p>
      <p begin="572.88s" xml:id="p130" end="577.96s">Toll! Wozu bin ich Gast, wenn alles nach der Moderatorin läuft? Ich komm nicht wieder.</p>
      <p begin="577.96s" xml:id="p131" end="580.2s">Echt jetzt? Das ist aber schade.</p>
      <p begin="580.2s" xml:id="p132" end="580.76s">Doch, doch. Natürlich.</p>
      <p begin="581.04s" xml:id="p133" end="583.48s">Gut. Ich nehme ein grosses Papier. Guck mal!</p>
      <p begin="583.56s" xml:id="p134" end="586.56s">Tu drei Tage lang so, als hättest du dich für Option eins entschieden.</p>
      <p begin="586.56s" xml:id="p135" end="593.36s">Dann drei Tage lang, als hättest du dich für Option zwei entschieden. Und triff erst dann eine Entscheidung.</p>
      <p begin="596.12s" xml:id="p136" end="599.12s">Finde ich klug!</p>
      <p begin="599.92s" xml:id="p137" end="603.72s">Manchmal gibt es doch so dieses totale Grübeln. Fünf Minuten denkt man das,</p>
      <p begin="603.72s" xml:id="p138" end="606.72s">fünf Minuten denkt man jenes und man kann sich echt überhaupt nicht entscheiden.</p>
      <p begin="606.72s" xml:id="p139" end="609.96s">Es macht einen völlig fertig. Und sich dann zu zwingen, mal zu sagen:</p>
      <p begin="609.96s" xml:id="p140" end="618.76s">«Okay, ich weiss nicht, ob ich kündigen soll.» Dann mal drei Tage, schwanger zu gehen mit der Idee, gekündigt zu haben.</p>
      <p begin="618.76s" xml:id="p141" end="625.4s">Sich das vorzustellen und sich zu verbieten, das andere zu denken und einfach mal zu gucken: Löst sich da was?</p>
      <p begin="625.96s" xml:id="p142" end="629.52s">Und dann das andere auszuprobieren. Ich finde das eigentlich ziemlich gut.</p>
      <p begin="629.52s" xml:id="p143" end="632.52s">Ich glaube, ehrlich gesagt, fast niemand kann es wirklich.</p>
      <p begin="632.52s" xml:id="p144" end="635.12s">Glaube ich auch. Aber ich finde es auch ausgesprochen gut.</p>
      <p begin="635.12s" xml:id="p145" end="642.96s">Ich habe einmal gelesen: Bei Leuten, die einen neuen Job suchen und etwa ein Vorstellungsgespräch</p>
      <p begin="642.96s" xml:id="p146" end="648.24s">hinter sich haben, sich aber unsicher sind, solle man sich selbst fragen:</p>
      <p begin="648.24s" xml:id="p147" end="652.84s">«Wo stehe ich, wenn ich in dieser Firma oder hier anfange zu arbeiten?</p>
      <p begin="652.84s" xml:id="p148" end="657.64s">Wo stehe ich dann in fünf Wochen, in fünf Monaten und in fünf Jahren?»</p>
      <p begin="657.64s" xml:id="p149" end="662.12s">Perspektivisch denken. Da kann man natürlich jetzt jede Wochen und Jahreszahl nehmen,</p>
      <p begin="662.12s" xml:id="p150" end="666.96s">aber dass man sich so hineinversetzt: «Was wäre mit mir, was wäre mit meinem Leben? Wo läge mein Fokus?»</p>
      <p begin="666.96s" xml:id="p151" end="669.2s">Deswegen finde ich das auch sehr gut und würde es behalten.</p>
      <p begin="669.92s" xml:id="p152" end="672.64s">Weisst du, was mir gerade einfällt, wo du das so beschreibst?</p>
      <p begin="672.88s" xml:id="p153" end="677.44s">Ich habe einmal in einem Coaching-Seminar eine Übung machen müssen:</p>
      <p begin="677.44s" xml:id="p154" end="684.12s">Man musste zukünftige Versionen seiner selbst als Zettel auf dem Boden auslegen,</p>
      <p begin="684.12s" xml:id="p155" end="692.52s">dann dahinstehen und spüren, wie es einem an dieser Stelle geht. Das klingt jetzt total bescheuert,</p>
      <p begin="692.52s" xml:id="p156" end="698.12s">aber das Interessante war, das hat echt was gemacht mit mir. Das hat irgendwie etwas verändert,</p>
      <p begin="698.12s" xml:id="p157" end="702.44s">je nachdem, wo ich stand. Ich sage jetzt nicht, was auf dem Zettel stand. Zu privat, weisst du?</p>
      <p begin="706.12s" xml:id="p158" end="713.6s">Willkommen zur «Sternstunde Esoterik» im Schweizer Fernsehen. Ich stehe vorm Zettel und es macht was mit mir.</p>
      <p begin="713.6s" xml:id="p159" end="716.6s">Mmmh. Das fand ich jetzt total fies von dir.</p>
      <p begin="716.6s" xml:id="p160" end="721.32s">Wenn du so weitermachst, dann werde ich hier gleich Zettel auslegen und du musst die Übung machen.</p>
      <p begin="721.32s" xml:id="p161" end="724.68s">Du kriegst das letzte Wort. Wieder typisch.</p>
      <p begin="724.68s" xml:id="p162" end="730.28s">Mann. Mann, Mann... Entscheide dich nie für die sichere Option.</p>
      <p begin="734.64s" xml:id="p163" end="741.28s">Da bin ich sehr gespalten. Also mich stört schon die komplette Verneinung «nie». Also ich finde es gibt Momente,</p>
      <p begin="741.28s" xml:id="p164" end="745.4s">da kann man sich ganz klar und mit guten Gründen für die sichere Option entscheiden</p>
      <p begin="745.4s" xml:id="p165" end="747.56s">und da muss man überhaupt kein Risiko eingehen.</p>
      <p begin="748.68s" xml:id="p166" end="754.76s">Aber insgesamt würde ich, wenn es nicht so radikal formuliert wäre, der Zielrichtung zustimmen.</p>
      <p begin="754.76s" xml:id="p167" end="761.6s">Also nicht immer nur für die sichere Option zu sein, sondern Unerwartetes zu tun, auch durchaus mal ins Risiko zu gehen,</p>
      <p begin="761.6s" xml:id="p168" end="766.64s">solange man das Risiko durchdacht hat und nicht einfach blind in ein Risiko springt,</p>
      <p begin="766.64s" xml:id="p169" end="771.88s">dann finde ich das eigentlich ein eher befürwortenswerten Gedanken.</p>
      <p begin="772.68s" xml:id="p170" end="775.68s">Was ist das grösste Risiko, das du je eingegangen bist in deinem Leben?</p>
      <p begin="780.56s" xml:id="p171" end="781.92s">Gute Frage.</p>
      <p begin="781.92s" xml:id="p172" end="791.64s">Ich glaube, damals diesen Beruf gewählt zu haben, den ich heute mache.</p>
      <p begin="792.12s" xml:id="p173" end="800.2s">Mich da reinzugeben, ich war Mitte 20 und ging auf Tour. So ein Programm zu machen. Ich hatte ja nichts.</p>
      <p begin="800.2s" xml:id="p174" end="807.04s">Ich kam nicht aus einer Künstlerfamilie, an der man sich hätte orientieren können.</p>
      <p begin="807.04s" xml:id="p175" end="813.04s">Sondern voll ins Risiko zu gehen und nicht zu sagen: «Okay, ich bleibe beim Radio.</p>
      <p begin="813.04s" xml:id="p176" end="816.92s">Irgendwann werde ich eine Festanstellung haben und so, das wäre meine Option B gewesen.</p>
      <p begin="817.6s" xml:id="p177" end="824.04s">Das würde ich sagen, war damals, gemessen am Alter und meiner Erfahrung, schon ein grosses Risiko.</p>
      <p begin="824.04s" xml:id="p178" end="827.04s">Das klingt jetzt nicht so gross, aber für mich war es das.</p>
      <p begin="827.96s" xml:id="p179" end="833.36s">Hast du das wirklich so entschieden? Ich habe immer so das Gefühl, eigentlich gibt es so viele Dinge in meinem Leben,</p>
      <p begin="833.36s" xml:id="p180" end="838.32s">die habe ich gar nicht wirklich entschieden, sondern man stolpert doch irgendwie so durch seine Biografie, nicht?</p>
      <p begin="838.32s" xml:id="p181" end="842.28s">Das stimmt, das würde ich so auch sehen. Aber ich habe damals schon</p>
      <p begin="842.28s" xml:id="p182" end="844.68s">die Entscheidung getroffen, dass ich mich darauf einlasse.</p>
      <p begin="844.68s" xml:id="p183" end="850.92s">Ich habe mir dann eine Agentur gesucht und ich gehe auf Tour, das kannte ich gar nicht.</p>
      <p begin="850.92s" xml:id="p184" end="859.24s">Da waren schon viele Entscheidungen dabei, die wegweisend waren oder wo sich deutlich zeigte, wo die Reise hingeht.</p>
      <p begin="860.2s" xml:id="p185" end="865.84s">Du hast ja ein Buch übers Entscheiden geschrieben. Was ist dein ultimativer Tipp aus dem Buch?</p>
      <p begin="865.84s" xml:id="p186" end="873.8s">Mutiger Entscheidungen zu treffen hinsichtlich des spielerischen Versuchs. Also einfach zu sagen:</p>
      <p begin="873.8s" xml:id="p187" end="878.88s">«Ich entscheide das jetzt mal». Ohne andauernd Angst zu haben, es könnte falsch sein</p>
      <p begin="878.88s" xml:id="p188" end="883.88s">oder es könnte schiefgehen, sondern einfach zu sagen: «Versuch und Irrtum ist das Grundprinzip.</p>
      <p begin="883.88s" xml:id="p189" end="888.2s">Ich versuche es und habe keine Angst davor, dass ich es ohnehin sowieso bereuen werde.»</p>
      <p begin="888.2s" xml:id="p190" end="892.68s">Wenn es halt falsch war, war es falsch. Eigentlich geht es eher um eine andere Fehlerkultur.</p>
      <p begin="895.2s" xml:id="p191" end="899.24s">Es gibt Studien, die sagen, dass da, wo Fehler gemacht werden dürfen, passieren weniger.</p>
      <p begin="899.24s" xml:id="p192" end="904.28s">Da, wo sie sehr stark geahndet werden, passieren die Fehler. Ich weiss nicht, du kennst es vielleicht:</p>
      <p begin="904.28s" xml:id="p193" end="908.44s">Es gibt Menschen, in deren Augen macht man plötzlich Fehler, die man sonst nicht macht,</p>
      <p begin="908.44s" xml:id="p194" end="913.24s">weil man weiss, da wird sehr hart geurteilt. Wenn du spürst, mir ist jemand</p>
      <p begin="913.24s" xml:id="p195" end="915.16s">zugewandt, passieren dir gewisse Dinge gar nicht.</p>
      <p begin="915.92s" xml:id="p196" end="918.92s">Try and error. Auch noch mal so ein gutes Prinzip.</p>
      <p begin="919.0s" xml:id="p197" end="922.08s">Vielen Dank, Florian. Jetzt haben wir noch nicht entschieden. Was ist denn damit?</p>
      <p begin="922.64s" xml:id="p198" end="925.64s">«Entscheide dich nie für die sichere Option. Gehe Risiken ein.» Ja, wir lassen das.</p>
      <p begin="925.96s" xml:id="p199" end="927.6s">Wir lassen es.</p>
      <p begin="928.6s" xml:id="p200" end="930.0s">Sehr gut, vielen Dank.</p>
      <p begin="930.08s" xml:id="p201" end="930.64s">Danke!</p>
    </div>
  </body>
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